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Premiere:
19. Oktober 1989
Weitere Aufführungen:
20./21./22./27./28./29. Oktober 1989
jeweils 20.00 Uhr im Studio des Parktheaters Iserlohn

Gastspiele:
11./12. November 1989 im Scaramouche, Menden
18.November 1989 Städt. Realschule in Ahlen/Westf.

Unser „Erstlingswerk“ zur Vereinsgründung

ANDORRA

von Max Frisch

Regie: Wolfgang Baumann

Eine Inszenierung des Schauspielensemble Iserlohn e.V.

Andorra – Fürstentum in den östl. Pyrenäen, unter gemeinsamer Oberhoheit des franz. Staatspräsidenten und des span. Bischofs von Seo de Urgel. Andorra grenzt im Norden und Osten an Frankreich, im Süden und Westen an Spanien. Fläche 453 km2,  Bevölkerung: 32.000 Einwohner (1980), Hauptstadt: Andorra la Vella, Amtssprachen: Katalanisch, Spanisch, Französisch.
Das Andorra dieses Stückes hat nichts mit dem wirklichen Kleinstaat dieses Namens zu tun. Andorra ist der Name für ein Modell, in dem Max Frisch versucht, seine Zeitgenossen das Problem des gesellschaftlichen Vorurteils anhand einer gedachten politischen Situation vor Augen zu führen.
Dem „weißen“ Andorra droht die Aggression der „Schwarzen“. Hier wird dem jungen Andri aufgrund des Gerüchts, sein Pflegevater, der Lehrer Can, habe ihn als Judenkind vor dem Zugriff der „Schwarzen“ gerettet und aufgezogen. das Schandmal der Andersartigkeit aufgeprägt. Gezeigt wird der Prozess der Bewusstseinsänderung Andris, den die Umwelt solange zum Anderssein zwingt, bis er es als sein Schicksal annimmt. Dieses Schicksal heißt in Max Frischs Stück „Judsein“.

Die Mitwirkenden

Besetzung
Andri Vassilios Orfanidis
Barblin Ulrike Frenzel
Der Lehrer Wolfgang Ehrlich
Die Mutter Ursula Goldhorn
Die Senora Bettina Fürtig
Der Pater Matthias Hay
Der Soldat Jürgen Gissel
Der Wirt Bernd Stephan
Der Tischler Joachim Grote
Der Doktor Johannes v. Linden
Der Geselle Jörg Finking
Jemand Margret Katterbach
Ein Idiot Norman Lahme
Soldat 2 Heiner Kohlberg
Soldat 3 Norman Lahme
Weitere Mitwirkende
Regie Wolfgang Baumann
Regieassistenz Annette Petereit
Souffleuse Erika Scharpe
Bühnenbild Roxana Baumann, Wolfgang Ehrlich
Musik- und Tontechnik Johannes v. Linden, Melanie Jahner
Lichttechnik Ulrich Korte, Jürgen Reese

Bildergalerie

Pressespiegel zur Premiere

Iserlohner Kreisanzeiger 23.10.1989
Andorra gelungener Start: Ensemble weckt Hoffnungen
Andorra ist ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Jeder Bürger ist nett, vorurteilsfrei, tolerant und ein echter Demokrat. Schön, dass es so ein Land gibt. Schade, dass dieses Land nur der Phantasie von Max Frisch entsprungen ist. Gut, dass ein Blick auf die realen Zustände in Andorra diese Republik eine Imagination bleiben lässt.
Ein ehrgeiziges Projekt stellten die Laiendarsteller des Schauspielensembles Iserlohn am Donnerstag dein Publikum vor. ‚Das Studio – des Parktheaters war ausverkauft – das Interesse am Laientheater ist ungebrochen. Aus der VHS-Theatergruppe hervorgegangen, wollten die „theaterbegeisterten Bürger“, so Regisseur Wolfgang Baumann, dem „engen finanziellen Korsett der Volkshochschule entwachsen, um aufwendigere Aufführungen anbieten zu können“.
Drei Stunden Spielzeit stellten hohe Ansprüche an Akteure und nicht zuletzt auch das Publikum. Dennoch gelang es der Truppe, den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten, um zum Schluss den verdienten Applaus zu kassieren. Die Intimität des Studios erschien hierbei das große Plus der Akteure zu sein. Der Zuschauer befand sich in unmittelbarer körperlicher Nähe der Darsteller und konnte die Entwicklung der Charaktere hautnah mitverfolgen.
„Andorra“ ist der Blick hinter die Fassaden der Republik dieser Welt. Rassismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit lauern hinter jeder Tür. Diese Untugenden werden in Frischs Schauspiel in zwölf Bildern durch zahlreiche Personifizierungen des öffentlichen Lebens dargestellt. Da gibt es den Soldaten Peider, den Amtsarzt, den Tischlermeister und auch den Pfarrer, die allesamt ihre Teilschuld am Tode des armen Judenkindes Andri tragen.
Eindeutig bestimmender Akteur ist der Hauptdarsteller Andri, gespielt von Vassilios Orfanidis. Der junge Mann trägt das Stück durch seine . Monologe, bei denen er Textsicherheit und Einfühlungsvermögen beweist.. Seine Darstellung wirkt im Ganzen sehr menschlich. Einige andere Akteure müssen sich noch von ihrer Steifheit freimachen, die durch das Lampenfieber der ersten Aufführung begründet sein kann.
Insgesamt verlebte das Publikum eine anregende Zeit im Studio. Bei konstanter Leistung lässt das in Vorbereitung befindliche Stück „Tartuffe“ hoffen. Das Schauspielensemble kann sich durchaus als neue Kraft im Iserlohner Kulturgeschehen etablieren. Thomas Pütter

Westfälische Rundschau 23.10.1989
Andorra: Monologe brachten Publikum zum Schweigen – Vassilios Orfanidis überragend
Iserlohn. Die Darsteller sind für Theatergänger schon fast gute alte Bekannte, geändert hat sich nur das Drumherum: Aus der ehemaligen VHS-Theatergruppe um Werner Traud wurde im Februar das „Schauspielensemble Iserlohn“. Am Donnerstag feierte es seine große Premiere.
Mit „Andorra“ – dem Stück des für den Nobelpreis vorgeschlagenen Max Frisch – hatte man sich selbst einer großer Herausforderung gestellt. Doch keiner zu hohen, was spätestens nach drei Stunden Spielzeit auch dem letzten der rund 150 Besucher im Studio des Parktheaters klar war: Mehrere „Vorhänge“ waren der beste Beweis.
Das Stück über Vorurteile und die daraus entstehenden Aggressionen ist zwar immer wieder einen Theaterbesuch wert, doch steht und fällt seine starke Aussage mit der Qualität des Ensembles. Und die konnte sich am Donnerstag im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen.
Wieder einmal war es Vassilios Orfanidis, der an diesem Abend als Jude Andri die beste Leistung bot. Doch was wäre der sprachlich und mimisch so begabte Nachwuchsschauspieler – dessen Stärke vor allem in den Monologen liegt – ohne die anderen Darsteller? Angefangen bei „Pastor“ Matthias Hay (ruhig und besonnen – diese Rolle ist ihm wie auf den Leib geschneidert) bis hin zu Jörg Finking (er spielt den Gesellen so cool und egoistisch – genauso wie man ihn sich vorstellt) sind alle zusammen eine „starke Truppe“.
Premiere also geglückt – jetzt will das Schauspielensemble in diese Richtung weitermachen. „Unser Ziel ist die Erarbeitung anspruchsvoller klassischer und zeitgenössischer Theaterliteratur.“ so der Regisseur Wolfgang Baumann. Ein Ziel, das eigentlich zu schaffen sein sollte. Ein guter Anfang wurde jedenfalls am Donnerstag gemacht. Anja Luckas

Iserlohner Stadtspiegel 25.10.1989
Sehenswertes Frisch-Stück
(MaFA) „Andorra“ von Max Frisch – das bisher meistgespielte Theaterstück dieses Jahrhunderts. Das junge Schauspielensemble Iserlohn hat dieses Stück für seine erste Aufführung gewählt.
„Meine Zuversicht ist ausgefallen, eine um die andere“ – Untröstbar, die Hände gekrampft, Angst, Trauer und Unverständnis in den Zügen: Vassilios Orfanidis spielt den Andri, von Bärblin enttäuscht, den eigenen Tod immer unausweichlicher vor Augen, nur auf sich selbst zurückgeworfen. Seine Entwicklung vom zunächst eher pubertär Erzürnten, Zweifelnden, der nicht so recht glaubt, was um ihn herum geschieht, und sich immer wieder auf seinen Optimismus zurückbesinnt, bis zum männlichen, verzweifelten Andri, der dem Rollenzwang seiner Umgebung nicht mehr ausweicht, ist eine durch und durch beeindruckende Leistung.
Ulrike Frenzel spielt eine Bärblin, die von Andri geliebt werden kann, aber auch mit einer spürbaren Vulgarität angelegt ist, so dass sie später mit dem Soldaten Peider (bestechend aasig und mit Soldatenmännlichkeit roh Nikolaus Frier) schlafen kann. Was die Inszenierung von Wolfgang Baumann auszeichnet – es handelt sich um eine „Inszenierung“, nicht um „Laienspiel‘ -, ist die hervorragende Entwicklung des Identitätsproblems und des Rollencharakters.
Obwohl die Schauspieler Laien sind, gelingt fast durchgehend eine echte Identifikation mit ihrer Rolle. Sie sind glaubhaft, ungekünstelt, der Zuschauer wird nie aus der Spannung entlassen. Die Intimität des Studios lässt dabei die Beziehung des Publikums zu den Vorgängen auf der Bühne spürbar wachsen. Wie berührt der einzelne davon ist, zeigen die Tränen im Zuschauerraum.
Max Frisch hat Andorra ein Modell genannt, eine Parabel. Hier hätte man sich eine Aufführung wünschen können, die mehr Sinnebenen verdeutlicht. Jude ist nicht der, der „jüdisches Blut“ in seinen Adern hat, sondern der, den seine Umwelt dazu stempeln will – unter anderem diese zentrale Aussage kommt zu kurz, auch durch den Verzicht auf den „Judenschauer“ in der zwölften Szene – zugunsten eines Andri, dessen Schicksal im Vordergrund steht.
Für die sehr sehenswerte Aufführung gibt es noch einige wenige Karten für das kommende Wochenende (Fr., Sa., So. jeweils 20 Uhr im Studio des Parktheaters).

Pressestimmen zu unseren Gastspielen

Mendener Zeitung 03.11.1989
„Das zweite Gesicht“ von Andorra: Neuinszenierung
Iserlohner Ensemble zeigt Studioproduktion im Scaramouche
Menden. (tina) „Andorra“ – eine Geschichte, die sich wie ein roter Faden durch das literarische und kulturelle Leben der Gesellschaft zieht. – Als Lehrstück erfährt sie heute eine besondere Aktualität durch die derzeitige politischen Situation. „Andorra“ ist nicht der Name eines Staates, sondern das Modell einer unkonkreten und doch realistischen Gesellschaftsform. Modellhaft ist ihre Aussage: Mit einem „psychologisches Experiment“ gelang Max Frisch geradezu beispielhaft die Aufzeichnung, wie durch politische Situationen Fremdenfeindlichkeit aufgebaut wird und wie die Gesellschaft mit ihr umgeht, bis der Zustand eskaliert und in Gewalt ausartet.
Auf der Scaramouche-Bühne wird die Geschichte – als Kammerspiel aufgeführt – in einer neuen Form zu sehen sein, die vor allem über psychologische Hintergründe aufklärt, wo das Essentielle aus dem Umfeld herausgelöst und der eigentliche Aspekt sichtbar ist. Wolfgang Baumann, künstlerischer Leiter des Schauspielensembles Iserlohn e V., schrieb das Stück in eine Zimmertheaterversion um, die die wertvolle Betrachtung der Personen im Einzelnen zulässt. Die Zuschauer in den ausverkauften Vorstellungen, mit denen das Ensemble am Wochenende in Iserlohn seine Premiere feierte, reagierte mit. ungewohnt positiver Resonanz. Gleiches erhofft sich Kulturamtsleiter Volker Fleige nun auch vor, den Besuchern der Vorstellungen in Menden, die auf Einladung Ü er Katastrophen Kultur e.V. am 11., 12. und 13. November jeweils um 20.30 Uhr über die Bühne laufen. „Es ist zwar noch nicht lange her, dass die Theatergruppe des Heilig-Geist-Gymnasiums Andorra aufgeführt hat, aber ein Stück verändert sich durch unterschiedliche Inszenierungen, was besonders in diesem Fall zu einem Vergleich reizt.“ Andorra wird übrigens nicht das letzte Gastspiel des Iserlohner Theaterensembles sein, teilte Volker Fleige mit. In Zukunft soll eine Cooperation zwischen der Katastrophen Kultur und der Iserlohner Truppe stattfinden, um den Kulturaustausch über die Grenzen hinaus zu fördern.
Eintrittskarten sind erhältlich in den Buchhandlungen Daub, Kissing und Krollmann, sowie am Bahnhofskiosk und in „Die Werkstatt“ oder telefonisch unter Ruf 10097 zu bestellen.

Westfalenpost (Menden) 03.11.1989
Nochmal „Andorra“: Diesmal als Scaramouche-Produktion
Nach HGG versucht sich Katastrophen-Kultur an Frisch
Menden/Iserlohn. Schüler des Heilig-Geist-Gymnasiums haben „Andorra“ von Max Frisch in diesem Jahr mehrfach mit großem Erfolg in Menden aufgeführt. „Warum jetzt noch zwei Andorra-Aufführungen mit einem anderen Ensemble im Scaramouche?“ werden viele Skeptiker fragen. Es ist ein Versuch, den die Theaterleute vom Scaramouche in Zusammenarbeit mit dem Iserlohner Ensemble starten. Denn sie wollen „Andorra“ als Studio-Produktion aufführen. Scaramouche-Sprecher Volker Fleige von der Katastrophen-Kultur zur WP: „Es lohnt sich auf jeden Fall auch für all jene, die „Andorra“ vom HGG gesehen haben, diese Studio-Produktion anzuschauen.“
In der Scaramouche-Inszenierung werden die Schauspieler unter der Regie von Wolfgang Baumann, der auch in der Dreigroschenoper mitwirkte, vor allem behutsam die Charaktere zeichnen. Volker Fleige: „Aus bühnen-technischen Gründen müssen wir selbstverständlich auf Massenszenen verzichten. Da ergab sich von vornherein eine andere Gewichtung als bei der Aufführung – des Heilig-Geist-Gymnasiums.“
Der Vorverkauf hat inzwischen begonnen. Karten für die Aufführungen am 10./11. November sind zum Preis von 9 bzw. 7 Mark an folgenden Stellen erhältlich: Buchhandlungen Daub und Kissing, Bahnhofskiosk, „Werkstatt“, Krollmann. Telefonische Karten-Reservierungen sind unter 10097 möglich.

Mendener Zeitung 14.11.1989
Spartanische Inszenierung sehr sensibel arrangiert
„Andorra“ erlebte 2. Uraufführung in Menden
Ein Lehrer bringt aus dem Nachbarland einen unehelichen Sohn mit in die Heimat und erklärt, er wolle das jüdische Kind vor den Rassisten im eigenen Land retten. Nennen wir das Land Andorra, und nennen wir das Kind Andri. So hat es Max Frisch getan und dann ein Parabelstück entworfen, das schonungslos suggestive Vorurteile, blinden Gehorsam und Fanatismus geißelt. Die Augen der Andorraner entdecken natürlich „typisch jüdische“ Eigenschaften an Andri, der sich bald selbst wie ein Jude fühlt. Andri scheitert schließlich an der massenpsychologischen Pervertierung des Kleinstaates; erst recht, als er erfährt, dass er die blonde Tochter des Lehrers, Barblin, – denn sie ist ja eigentlich seine Schwester – nicht heiraten darf.
„Andorra“, das wohl bekannteste Bühnenwerk von Max Frisch, wurde am Wochenende zum zweiten Mal in diesem Jahr in Menden „uraufgeführt“: Während Anfang Juni die Theater-AG des Heilig-Geist-Gymnasiums mit dem Stück auf der Wilhelmshöhe debütierte, feierte am Samstag und Sonntag das Iserlohner Schauspiel-Ensemble Premiere auf einer Mendener Bühne. Im „Scaramouche“, dem Zimmertheater der Katastrophen-Kultur, entwickelten die Mimen des erst im vergangenen Frühjahr gegründeten Ensembles spannende Studien antagonistischer Charaktere.
Während die HGG-Inszenierung pathetisch als Mischung aus Liebestragödie und epischem Theater angelegt war, entwarf Regisseur Wolfgang Baumann eine psychologisierende Handlungsdramatik. Die Iserlohner Inszenierung wirkt gegen das HGG-Opus bescheiden, fast spartanisch. Dafür aber ist sie sensibler arrangiert, wirken Dialoge und Hauptfiguren nicht wie aufgesetzte Schwarz-Weiß-Stereotypen und gewinnen so an beklemmender Aktualität.
Baumann interessiert sich vor allem für die Bewusstseinsströme des leidenschaftlichen Andri sowie seines Vaters, dem Lehrer. Zwischen beiden entwickelt sich eine komplexe Beziehungsstruktur voller Stolz und Verzweiflung, Liebe und Hass, kühner Abgeklärtheit und impulsiver Gefühlsausbrüche. In Vassilios Orfanidis und Wolfgang Ehrlich fand der Regisseur dabei eine ebenso angemessene wie kongeniale Besetzung seiner beiden Hauptfiguren.
Zum Außenseiter gebrandmarkt, nimmt Andri die Mentalität des Andersseins an und wird schließlich beschuldigt, seine leibhaftige Mutter umgebracht zu haben. Während die HGG-Version der anschließenden „Judenschau“ viel Platz und Zeit einräumt, verzichtet Baumanns feinfühlige Psychoanalyse auf der Bühne völlig auf, die Abbildung grausamer Nazi-Rituale. Und dennoch werden die Folgen kollektiver Feigheit schmerzhaft bewusst: Zurück bleibt ein jämmerliches Häuflein blinder Opportunisten, die in Zwischenszenen immer wieder vor den Schranken eines imaginären Gerichtes ihre Unschuld beteuern.
Der Lehrer, Andris illegitimer Vater, und Barblin versuchen den tragischen Helden zwar noch in letzter Minute zu retten, enden aber nach Andris Tod durch Erschießung in Selbstmord und Wahnsinn. – Für Frisch ein mahnendes Symbol einer schizophrenen Moral. Für Baumann tragisches Fragezeichen im Gesicht seiner Sinnentleerten Andorraner. Und: Andorra ist überall. Matthias Kurp

Ahlener Volkszeitung 20.11.1989
Mit Erfahrung und im Eiltempo wurden die zwölf Bühnenbilder aufgebaut
„Andorra“-Aufführung von Max Frisch in der Realschulaula / „Männerarbeit“-Beitrag
AHLEN (ff). Andorra, das wohl bekannteste Drama von Max Frisch, wurde am Samstag abend in der Aula der Realschule gezeigt. Das im Februar 1989 gegründete Iserlohner Schauspielensemble zeigte mit diesem Stück sein Erstlingswerk. Aber davon merkten die Zuschauer am Samstag abend kaum etwas.
Zu Beginn der Veranstaltung sprach Heinz Steinhoff in seiner Funktion als Vorsitzender der Evangelischen Männerarbeit. Er wies darauf hin, dass es sich bei diesem Stück um einen indirekten Beitrag der Männerarbeit zum ökumenischen Versammlung Ahlen, handele. „Was wir an schauspielerischer Leistung nicht erbringen können, haben wir hoffentlich durch unsere kräftige Unterstützung ein wenig ausgleichen können.“
Diese kräftige und vor allem tatkräftige Unterstützung war wohl in größerem Umfang vonnöten, denn trotz der Verkürzung des über 300 Seiten starken Werkes auf zweieinhalb Stunden war eine ganze Menge zu tun. Zwölf Bilder, das heißt zwölf unterschiedliche Bühnenaufbauten erfordern schon etwas Erfahrung und auch Tempo, denn die Pausen zwischen den Bildern waren nur selten länger als zwei Minuten.
Andorra, so ja der Name dieses Stückes, hat nichts mit dem wirklichen Kleinstaat dieses Namens zu tun. Andorra ist der Name für ein Modell, in dem Max Frisch versucht, seinen Mitmenschen das Problem des gesellschaftlichen Vorurteils anhand einer gedachten politischen Situation vor Augen zu führen.
Das „weiße“ Andorra, in dem dieses Stück spielt, wird bedroht. Es droht ein Angriff der „Schwarzen“. Büßen muss dafür eigentlich nur einer, Andri. Ihm wird aufgrund eines Gerüchtes, sein Pflegevater, der Lehrer Can, habe ihn als Kind, vor den „Schwarzen“ gerettet, das Schandmal der Andersartigkeit aufgeprägt.
Andri, dessen Darsteller Vassilios Orfanidis eine sehr überzeugende Leistung bot, wird so lange zur Änderung seines Bewusstseins gezwungen, bis er schließlich sein Schicksal annimmt.
Dieses Schicksal heißt in Max Frischs Stück „Judsein“. Auch Regisseur Wolfgang Baumann war mit der Aufführung mehr als zufrieden, denn durch die Verkürzung der Monologe und Szenen sei es für die Akteure nicht einfacher geworden, dieses Stück darzubieten. Vor allem dann sei nämlich eine sichere und konsequente Führung der Rolle nötig, erklärte er.

Ahlener Tageblatt 21.11.1989
Ein Beitrag zum konziliaren Prozeß Max Frisch „Andorra“ in Szene gesetzt
Schauspielensemble Iserlohn gastierte in Realschule – Ein aktuelles Theaterstück
Ahlen (djo). Auch im 50. Jahr nach Kriegsausbruch und im 40. Jahr des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland mit Max Frischs Theaterstück „Andorra“ in 12 Bildern keineswegs an Aktualität verloren. Am Samstagabend führte das Schauspielensemble Iserlohn e. V. das Drama des schweizerischen Schriftstellers in der Veranstaltungsreihe „Auf dem Weg zur ökumenischen Versammlung“ in Ahlen auf. Die evangelische Männerarbeit Ahlen mit ihrem Vorsitzenden Heinz Steinhoff leistete so mit der Verpflichtung der Laienschauspieler ihren Beitrag zum konziliaren Prozeß am kommenden Mittwoch, 22. November.
In einer sehr überzeugenden Aufführung brachte die ehemalige VHS-Theatergruppe ihr Erstlingswerk „Andorra“ auf die Bühne. Besonders Vassilios Orfanidis hätte in der Rolle des jüdischen Pflegesohnes Andri den ihm wie auf den Leib zugeschnittenen Part nicht besser spielen können. Eindringlich stellte er sein Schicksal, das bei Max Frisch „Judsein“ heißt, dar. Bild für Bild brachte er in zweieinhalb Stunden Bühnenauftritt seine Bewusstseinsänderung zur Geltung.
Angefangen von seinem beruflichen Wechsel als Küchenjunge zum unbeliebten Tischlergesellen beim Meister Und bei den Kollegen über sein Dasein als Fußabtreter des Soldaten bis hin zum ausgebooteten Bräutigam. Vater Can (Wolfgang Ehrlich) verbietet seinem Pflegesohn Andri die Ehe mit seiner leiblichen Tochter Barblin (Ulrike Frenzel). Obwohl die Mutter beider Kinder (Annette Petereit) zu vermitteln versucht, bleibt sie in ihrem Bemühen erfolglos. Als Andri schließlich erfahren muss, das sich seine Braut dem von ihm geachteten Soldaten hingibt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Stück für Stück ein bisschen mehr. Am Ende wird er von den „weißen“ Andorranern verraten und von den so genannten „Schwarzen“ abgeholt. Sein Schandmal der Andersartigkeit wird zu seinem Schicksal.