Iserlohner Kreisanzeiger 23.10.1989 Andorra gelungener Start: Ensemble weckt Hoffnungen Andorra ist ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Jeder Bürger ist nett, vorurteilsfrei, tolerant und ein echter Demokrat. Schön, dass es so ein Land gibt. Schade, dass dieses Land nur der Phantasie von Max Frisch entsprungen ist. Gut, dass ein Blick auf die realen Zustände in Andorra diese Republik eine Imagination bleiben lässt. Ein ehrgeiziges Projekt stellten die Laiendarsteller des Schauspielensembles Iserlohn am Donnerstag dein Publikum vor. ‚Das Studio – des Parktheaters war ausverkauft – das Interesse am Laientheater ist ungebrochen. Aus der VHS-Theatergruppe hervorgegangen, wollten die „theaterbegeisterten Bürger“, so Regisseur Wolfgang Baumann, dem „engen finanziellen Korsett der Volkshochschule entwachsen, um aufwendigere Aufführungen anbieten zu können“. Drei Stunden Spielzeit stellten hohe Ansprüche an Akteure und nicht zuletzt auch das Publikum. Dennoch gelang es der Truppe, den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten, um zum Schluss den verdienten Applaus zu kassieren. Die Intimität des Studios erschien hierbei das große Plus der Akteure zu sein. Der Zuschauer befand sich in unmittelbarer körperlicher Nähe der Darsteller und konnte die Entwicklung der Charaktere hautnah mitverfolgen. „Andorra“ ist der Blick hinter die Fassaden der Republik dieser Welt. Rassismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit lauern hinter jeder Tür. Diese Untugenden werden in Frischs Schauspiel in zwölf Bildern durch zahlreiche Personifizierungen des öffentlichen Lebens dargestellt. Da gibt es den Soldaten Peider, den Amtsarzt, den Tischlermeister und auch den Pfarrer, die allesamt ihre Teilschuld am Tode des armen Judenkindes Andri tragen. Eindeutig bestimmender Akteur ist der Hauptdarsteller Andri, gespielt von Vassilios Orfanidis. Der junge Mann trägt das Stück durch seine . Monologe, bei denen er Textsicherheit und Einfühlungsvermögen beweist.. Seine Darstellung wirkt im Ganzen sehr menschlich. Einige andere Akteure müssen sich noch von ihrer Steifheit freimachen, die durch das Lampenfieber der ersten Aufführung begründet sein kann. Insgesamt verlebte das Publikum eine anregende Zeit im Studio. Bei konstanter Leistung lässt das in Vorbereitung befindliche Stück „Tartuffe“ hoffen. Das Schauspielensemble kann sich durchaus als neue Kraft im Iserlohner Kulturgeschehen etablieren. Thomas Pütter |
Westfälische Rundschau 23.10.1989 Andorra: Monologe brachten Publikum zum Schweigen – Vassilios Orfanidis überragend Iserlohn. Die Darsteller sind für Theatergänger schon fast gute alte Bekannte, geändert hat sich nur das Drumherum: Aus der ehemaligen VHS-Theatergruppe um Werner Traud wurde im Februar das „Schauspielensemble Iserlohn“. Am Donnerstag feierte es seine große Premiere. Mit „Andorra“ – dem Stück des für den Nobelpreis vorgeschlagenen Max Frisch – hatte man sich selbst einer großer Herausforderung gestellt. Doch keiner zu hohen, was spätestens nach drei Stunden Spielzeit auch dem letzten der rund 150 Besucher im Studio des Parktheaters klar war: Mehrere „Vorhänge“ waren der beste Beweis. Das Stück über Vorurteile und die daraus entstehenden Aggressionen ist zwar immer wieder einen Theaterbesuch wert, doch steht und fällt seine starke Aussage mit der Qualität des Ensembles. Und die konnte sich am Donnerstag im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen. Wieder einmal war es Vassilios Orfanidis, der an diesem Abend als Jude Andri die beste Leistung bot. Doch was wäre der sprachlich und mimisch so begabte Nachwuchsschauspieler – dessen Stärke vor allem in den Monologen liegt – ohne die anderen Darsteller? Angefangen bei „Pastor“ Matthias Hay (ruhig und besonnen – diese Rolle ist ihm wie auf den Leib geschneidert) bis hin zu Jörg Finking (er spielt den Gesellen so cool und egoistisch – genauso wie man ihn sich vorstellt) sind alle zusammen eine „starke Truppe“. Premiere also geglückt – jetzt will das Schauspielensemble in diese Richtung weitermachen. „Unser Ziel ist die Erarbeitung anspruchsvoller klassischer und zeitgenössischer Theaterliteratur.“ so der Regisseur Wolfgang Baumann. Ein Ziel, das eigentlich zu schaffen sein sollte. Ein guter Anfang wurde jedenfalls am Donnerstag gemacht. Anja Luckas |
Iserlohner Stadtspiegel 25.10.1989 Sehenswertes Frisch-Stück (MaFA) „Andorra“ von Max Frisch – das bisher meistgespielte Theaterstück dieses Jahrhunderts. Das junge Schauspielensemble Iserlohn hat dieses Stück für seine erste Aufführung gewählt. „Meine Zuversicht ist ausgefallen, eine um die andere“ – Untröstbar, die Hände gekrampft, Angst, Trauer und Unverständnis in den Zügen: Vassilios Orfanidis spielt den Andri, von Bärblin enttäuscht, den eigenen Tod immer unausweichlicher vor Augen, nur auf sich selbst zurückgeworfen. Seine Entwicklung vom zunächst eher pubertär Erzürnten, Zweifelnden, der nicht so recht glaubt, was um ihn herum geschieht, und sich immer wieder auf seinen Optimismus zurückbesinnt, bis zum männlichen, verzweifelten Andri, der dem Rollenzwang seiner Umgebung nicht mehr ausweicht, ist eine durch und durch beeindruckende Leistung. Ulrike Frenzel spielt eine Bärblin, die von Andri geliebt werden kann, aber auch mit einer spürbaren Vulgarität angelegt ist, so dass sie später mit dem Soldaten Peider (bestechend aasig und mit Soldatenmännlichkeit roh Nikolaus Frier) schlafen kann. Was die Inszenierung von Wolfgang Baumann auszeichnet – es handelt sich um eine „Inszenierung“, nicht um „Laienspiel‘ -, ist die hervorragende Entwicklung des Identitätsproblems und des Rollencharakters. Obwohl die Schauspieler Laien sind, gelingt fast durchgehend eine echte Identifikation mit ihrer Rolle. Sie sind glaubhaft, ungekünstelt, der Zuschauer wird nie aus der Spannung entlassen. Die Intimität des Studios lässt dabei die Beziehung des Publikums zu den Vorgängen auf der Bühne spürbar wachsen. Wie berührt der einzelne davon ist, zeigen die Tränen im Zuschauerraum. Max Frisch hat Andorra ein Modell genannt, eine Parabel. Hier hätte man sich eine Aufführung wünschen können, die mehr Sinnebenen verdeutlicht. Jude ist nicht der, der „jüdisches Blut“ in seinen Adern hat, sondern der, den seine Umwelt dazu stempeln will – unter anderem diese zentrale Aussage kommt zu kurz, auch durch den Verzicht auf den „Judenschauer“ in der zwölften Szene – zugunsten eines Andri, dessen Schicksal im Vordergrund steht. Für die sehr sehenswerte Aufführung gibt es noch einige wenige Karten für das kommende Wochenende (Fr., Sa., So. jeweils 20 Uhr im Studio des Parktheaters). |